WINDOWS 10 ON ARM – vielversprechender Beginn einer neuen Ära

Microsoft und Qualcomm stellen zusammen mit ihren Partnern Asus und HP die ersten «Always Connected PCs» vor: Dank ARM-Prozessoren von Qualcomm versprechen diese Geräte unterbrechungsfreien Internet-Zugriff über das Mobilfunknetz bei rekordverdächtigen Akkulaufzeiten.

Always Connected PC - Asus NovaGo

Warum ARM?

Intel-Prozessoren sind zwar sehr leistungsfähig – aber traditionell keineswegs stromsparend. Hier punkten ARM-Prozessoren: Seit jeher bauen diese auf eine energieeffiziente Architektur. Ihren Einsatz finden ARM-Prozessoren denn auch vor allem in mobilen Geräten wie Smartphones. Zudem ist die Integration des Zugriffs auf das Mobilfunknetz weit fortgeschritten – Intel kann seit der Aufgabe seiner Entwicklungsbemühungen auf diesem Gebiet nur veraltete Technologie anbieten. In den letzten Jahren haben ARM-Prozessoren in Bezug auf ihre Leistungsfähigkeit an viele Intel-Prozessoren der unteren und mittleren Leistungsklasse aufgeschlossen: Die heutigen High-End-Prozessoren können sich durchaus mit Intel-Prozessoren der m3- oder sogar i5-Klasse messen. Deshalb liegt die Idee eigentlich nahe, diese ARM-Prozessoren auch für klassische PCs zu nutzen. Wenn nicht ein bedeutender Nachteil bestehen würde – bislang jedenfalls …

Ein entscheidender Fortschritt

Bei früheren Versuchen von Microsoft mit ARM-Prozessoren konnte ausschliesslich für diese Prozessoren optimierte Software genutzt werden – wie bei Windows RT, dem letzten dieser Versuche. Dank einer neuen Technologie wird bei Windows 10 on ARM diese Barriere aufgehoben: Sämtliche 32-Bit-Anwendungen, die auf den herkömmlichen Intel-betriebenen PCs laufen, können auch auf den neuen Always Connected PCs benutzt werden. Mit einer, wie es heisst, «geringfügigen» Leistungseinbusse – was jedoch kein spürbarer Nachteil sein sollte, da die wichtigen Anwendungen bald als ARM-optimierte Software auf den Markt kommen dürfte.

Dank dessen, dass praktisch sämtliche Windows-Anwendungen genutzt werden können, haben die neuen Always Connected PCs kaum mehr im Alltag relevante Nachteile zu befürchten. Dafür können sie vollumfänglich von den erwähnten Vorteilen profitieren: Ständiger Internet-Zugriff sowie lange Akkulaufzeiten. Insofern läuten diese Geräte tatsächlich eine neue Ära in der Geschichte des PC ein: Erst jetzt wird die vollständige Vernetzung mit Internet-basierten Services praktikabel.

Always Connected PC – das «praxistaugliche Chromebook»

Der Vorläufer dieser Entwicklung ist ein Produkt von just einem der grössten Konkurrenten von Microsoft, nämlich Google: Dessen Chromebooks bauen auf dem Prinzip auf, dass praktisch sämtliche Anwendungen (wie auch grosse Teile des Betriebssystems) über das Internet laufen. Der Nachteil dieses Prinzips ist offensichtlich: Ohne ständigen Internet-Zugriff lauft man andauernd Gefahr, dass man keinen Zugriff auf seine aktuellen Daten hat, die selbstverständlich in der Cloud lagern. Zudem bauen die meisten Chromebooks auf Intel-Prozessoren auf, eine Mobilfunkanbindung wird nur von einer Minderheit der Modelle angeboten. Somit beschränkt sich der Einsatz von Chromebooks trotz ihrer portablen Bauweise eher auf ortsgebundene Szenarien, wie innerhalb von Schulen oder Firmen. Always Connected PCs überwinden diese Schranke schon von ihrer Definition her. Was es freilich noch braucht, sind Mobilfunk-Abos, die sowohl möglichst unbeschränkten Datenverkehr erlauben als auch bezahlbar sind.

Die Möglichkeiten der Zukunft

Sind diese Voraussetzungen gegeben, ergeben sich völlig neue Möglichkeiten – Möglichkeiten, die in der klassischen Denkweise erst ansatzweise überschaubar sind: Wenn PCs nicht mehr an intern vorhandene Daten und Programme gebunden sind, wenn alles in die Cloud ausgelagert werden kann, explodiert die Anzahl möglicher Szenarien, wie Computing in der Zukunft aussehen wird. Verständlich gemacht kann dies daran, wie sich unsere TV-Gewohnheiten innert weniger Jahren radikal gewandelt haben: Früher kannte man nur das TV-Programm mit Sendungen, die fix waren, mit Ausstrahlungszeiten, die vorgegeben wurden, einzig der Videorecorder erlaubte einem eine eher mühsame Möglichkeit der flexibleren Ausgestaltung seines TV-Konsums. Dann tauchten aber die ersten Streaming-Angebote auf: Dank des Breitband-Internets konnte man zumindest zu Hause (und heute zu einem gewissen Grad auch unterwegs) sein Programm selber zusammenstellen. Was man schaut und wann man es schaut – plötzlich konnte man dies selbst bestimmen. Heute sind Netflix und Co. fixer Bestandteil der eigenen Fernsehgewohnheiten, manche schauen sogar überhaupt kein klassisches TV mehr. Nun nehme man diese Erfahrung und übertrage sie auf die Welt des PC: Man stelle sich vor, dass es keine fixen, auf dem PC installierten Programme mehr braucht, die zudem teuer gekauft werden müssen. Auch um Backups der eigenen Daten muss man sich keine Sorgen mehr machen. Letztlich ist es nicht einmal mehr wichtig, unter welchem Betriebssystem das Gerät läuft. Denn mit dem PC gelangt man sofort und an jedem Ort der Welt in die Cloud. Die Anwendungen laufen nicht mehr auf dem eigenen Gerät, sondern werden durch Server über das Internet bereitgestellt. Die Daten sind ebenfalls in der Cloud gesichert, wo sie erreichbar sind, egal auf welchem Gerät man gerade arbeitet – unterwegs auf dem Tablet, daheim auf dem PC, in einem Hotelzimmer auf der dortigen Mediabox. Hinter all dem stehen Technologien, die über das Internet auf leistungsfähigen Grossrechnern laufen und welche mittels künstlicher Intelligenz das Optimum aus den Daten herausholen. Genutzt werden all diese Möglichkeiten entweder durch werbebasierte Gratisdienste oder im Abo durch bezahlte Dienste, welche dafür die Privatsphäre wahren.

Das ist der Wunschtraum von Satya Nadella

Es ist kein Zufall, dass es just Microsoft ist, das dieser Entwicklung einen bedeutenden Entwicklungsschub geben möchte: Der CEO von Microsoft, Satya Nadella, war schon lange vor dem Aufkommen des Begriffs «Cloud» für Internet-basierte Services zuständig. Zeit seiner Karriere bei Microsoft hat er auf die Verwirklichung seiner Vision hingearbeitet. Azure, Oberbegriff für die Cloud-basierten Angebote von Microsoft, stellt schon heute eine enorme Vielzahl an Anwendungen bereit, mittels deren das Arbeiten in der Cloud verwirklicht wird. Azure wird denn auch bereits als «Cloud-OS», als Betriebssystem in der Cloud bezeichnet. Wer zwischen den Zeilen liest, der bekommt auch ein ganz anderes Verständnis von Nadellas Aussage, die er damals bei Erscheinen von Windows 10 geäussert hat: Windows 10 sei das «letzte Windows». Insofern ist Windows 10 on ARM auch nur ein Zwischenschritt in dieser Entwicklung. Vielleicht nicht einmal der Wichtigste. Google wird mit seinen Chromebook-Ambitionen sicherlich nachziehen, und die weiteren grossen Player im Cloud-Bereich dürfen ebenfalls nicht vergessen werden: Amazon zum Beispiel hat nicht erst seit seinen smarten Lautsprechern höhere Ziele. Als einer der grössten Cloud-Anbieter weltweit hat Amazon sowohl das Potenzial als auch die Ambition für Grösseres.

Keine Entwicklung ohne Gefahren

Die Nachteile dieser Entwicklung dürfen nicht verschwiegen werden: Vor allem die Aufgabe der Privatsphäre ist zwar für viele Normalbürger offensichtlich kein Problem, aber dennoch bedenklich. Werbebasierte Dienste werden keinerlei Möglichkeit auslassen, aus den privaten Mails, Fotos und anderen Dokumenten, aber auch aus dem Surfverhalten, der Art, welche Dokumente wann und wo bearbeitet werden usw. usf. alle möglichen Informationen über den Nutzer zu extrahieren. Hacker werden versuchen, an ebendiese Daten zu gelangen, um sie zu missbrauchen. Vor solchen Angriffen sind freilich auch bezahlte Dienste nicht gefeit. Und bei allem kann der einzelne Nutzer, der die Verwaltungshoheit über seine eigenen Daten abgegeben hat, der Geschädigte sein, wenn seine Daten gestohlen und missbraucht werden oder schlicht und einfach verloren gehen. Hier ist permanentes Arbeiten daran notwendig, die Sicherheit der Daten weitestgehend zu garantieren. Selbstverständlich sind auch auf dem eigenen Heim-PC gespeicherte Daten nicht hundertprozentig davor geschützt, gestohlen, missbraucht oder gelöscht zu werden. Der Verlust der Kontrolle über seine Daten ist dennoch etwas, woran man sich gewöhnen muss, will man den Weg gehen, den die Cloud vorzeichnet.

Ein vielversprechender Start

Dennoch, rein auf das Hier und Jetzt bezogen, stellen die neuen Always Connected PC einen äusserst nützlichen Fortschritt dar. Denn sie kombinieren die Leistungsfähigkeit der üblichen Geräte mit den Möglichkeiten der Zukunft. Insofern hat die Vorstellung der Always Connected PC mit Windows 10 on ARM als Betriebssystem mehr als eine neue Ära eingeläutet: Sie sind auch im ganz gewöhnlichen Alltag äusserst praktisch. Wer sagt schon Nein zur Möglichkeit, überall ins Internet zu können und sich dabei keine Sorgen um den Akkustand machen zu müssen?

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